Aus der Geschichte von Niedermurach

Murach und Niedermurach

Aus der Geschichte von NiedermurachVersucht man, der Geschichte des Ortes und der Gemeinde Niedermurach nachzugehen, wird einem alsbald deutlich, dass die Ursprünge zwar weit in die Jahrhunderte zurückreichen, ein zuverlässig bestimmtes Geburtsjahr aber nicht zu benennen ist. Alle nachweisbaren Daten lassen sicherlich einen noch weiter zurückreichenden geschichtlichen Werdegang mutmaßen, zu belegen allerdings ist dies nicht. Untrennbar jedenfalls ist der Ablauf der Geschehnisse mit Burg Murach (Haus Murach, Amt Murach) verknüpft.

Soweit man Turnierbüchern (Aufzeichnungen anläßlich von Wettkämpfen) Glauben schenken darf, wurde der Name Murach bereits 942 erstmals erwähnt. Auf einem Turnier zu Rothenburg ob der Tauber war angeblich eine "Jungfrau von Murach" gegenwärtig. 1019 wird ein "Endres von Murach" erwähnt.

Urkundlich nachweisbar erscheint der Name Murach zum ersten Male im Jahre 1110. Murach war vermutlich ein Grafensitz und kam auf unbekannte Weise unter die Herrschaft der Grafen von Sulzbach, wahrscheinlich als Belohnung von Kaiser Heinrich für Treue und tatkräftige Kriegsdienste. Als erster wirklicher Besitzer der Burg muss Berengar I. angesehen werden. Dieser war nachweislich am Kriegszug nach Rom beteiligt; unter seinen Begleitern stößt man auf einen gewissen "G e r u n c h d e M o u r a c h", den ersten Edlen, der sich "von Murach" schreibt. Von besagtem "Gerunch" stammen vermutlich die nachmaligen Freiherrn von Murach, ein altes Turniergeschlecht, das in der Spiegelgasse zu Regensburg seine Herberge hatte und erst im Jahre 1836 gänzlich erlosch. Sibot, ein Sohn Gerunchs, wird 1121 als Dienstmann des Grafen Berengar von Sulzbach mit dem Beinamen "Maria von Murach" aufgeführt.

Im Jahre 1158 fällt Murach den 0 r t e n b u r g e r n (Istrien, Kärnten, niederbayerische Linie mit Stammsitz bei Passau) zu, nachdem der Mannesstamm der S u l z b a c h e r (Gebhard II.) ausgestorben war und die Erbtochter Elisabeth den Grafen Rapoto I. von Ortenburg heiratete. Während die Sulzbacher Murach nur vorübergehend und zeitweilig besuchten und die Verwaltung lieber Pflegern überließen, die leider nicht immer zum Segen der Herrschaft und zum Wohle der dazugehörenden Bauern schalteten und walteten, war nunmehr Murach den Ortenburgern fast ständiger Wohnsitz. Etwa 100 Jahre lang wohnten nun die Ortenburger hier, und unter diesem Grafengeschlecht dürfte die Burg ihre höchste Blütezeit erreicht haben.

Rapoto I. kam im Jahre 1189 auf einem Kreuzzug mit Kaiser Friedrich Barbarossa im gelobten Lande um.

Murach fiel 1208 dessen Sohn Graf Heinrich zu. Im Jahre 1238 schenkt Graf Heinrich I. von Ortenburg seiner zweiten Gemahlin R e i z a, einer geborenen Gräfin von Hohenburg (1266 im Kloster Kastl bei Amberg bestattet), und den mit ihr gezeugten Söhnen Gebhard, Diepold und Rapoto das Schloss Murach und alle dazugehörenden Leute und Güter.

Sofort nach dem Tode der Gräfin Reiza interessierte sich Ludwig der Strenge von Oberbayern für die Herrschaft Murach. Die drei Söhne Gebhard, Diepold und Rapoto gerieten zusehends in immer größere Geldnot. Nachdem Murach auf zwei Jahre bereits verpfändet war und die Differenzen zwischen dem Herzog und den Grafen immer größer wurden, wurde schließlich 1272 der ganze Besitz veräußert. Damit war praktisch Ludwig der Strenge Besitzer, da er durch diesen Erwerb das freie, volle Besatzungsrecht erhielt und die Burg nun mit von ihm selbst erwählten Burgmannen besetzen konnte; er zahlte an die drei Brüder eine jährliche Entschädigung von 30 Pfund Regensburger Pfennigen. Nachdem die beiden Brüder Gebhard und Diepold gestorben waren, bestätigte am 18. März 1285 in München Rapoto dem Herzog den Verkauf der Herrschaft Murach.

So kam Murach an B a y e r n. Das Geschlecht der Ortenburger auf Schloss Murach gehörte damit der Vergangenheit an.

Seitdem Murach herzoglich geworden war, saßen nur mehr landesherrliche Pfleger auf der Burg, die an Stelle ihres Herrn das Amt Murach verwalteten. Mit dem abziehenden Geschlecht der Ortenburger war auch der seßhafte Geist von dem Schloß gegangen.
Im Verlaufe des äußerst bewegten Schicksals der Burg wechselten die Besitzer sehr häufig. Burghüter verwalteten den Besitz. Im Zuge des Hausvertrages von Pavia fiel 1329 die Burg Murach mit etwa der westlichen Hälfte des ehem. Landratsamtsgebietes Oberviechtach der Pfalz zu. Nachdem die Herrschaft Murach vorübergehend kurz der böhmischen "Hausmacht" unter Karl IV. zugefallen war, wurde sie wiederum pfälzisch. Im 16. Jahrhundert wurde das ganze Gebiet des Landratsamtes Oberviechtach (seit 1. 7. 1972 zu Schwandorf gehörig) kurpfälzisch.

Mit der Oberlassung der Oberpfalz an den Kurfürsten Maximilian I. von Bayern wurde Murach wieder bayerisch. (Als Kaiser Ferdinand den "Winterkönig" Friedrich (von der Pfalz) auf dem Weißen Berg bei Prag entscheidend geschlagen hatte, schenkte er Maximilian I. als Anerkennung für seine erhebliche Unterstützung (Feldherr Tilly) die "Obere Pfalz").

Zu dieser Zeit bestand mit Sicherheit schon ein Dorf "Niedermurach", das seinen Namen wohl nur von der niedrigeren Lage gegenüber Haus Murach (Obermurach) haben konnte. (Haus Murach = hus Murach ist eine Bezeichnung, die vielfach gerne für eine vornehme Burg (burc) gebraucht wurde, d.h. für besondere Festigkeit und massive Bauweise).

Niedermurach war von den sieben Rittersitzen, die zur Herrschaft Murach gehörten, der Bedeutendste. Im Laufe der Geschichte finden immer wieder die Freiherrn Murach von Niedermurach Erwähnung. Wie weit der genaue Ursprung zurückgeht, weiß man nicht. Sicher ist jedoch, daß bereits im "Paulsdorfer Lehensbuch" aus dem Jahre 1423 Niedermurach als Sitz einer Pfarrei erwähnt wird, Hieraus darf man wohl auf eine wesentlich frühere Entstehungszeit schließen. Unumstritten ist auch, daß im 16. Jahrhundert die Herren von Murach im Schloss zu Niedermurach residierten, das 1865 von einem Brand heimgesucht und nachher nur in geringerer Höhe wieder erstellt wurde. (Auf dem Platz des vormaligen Schlosses steht heute das 1972 neu erbaute Anwesen Pirzer mit Gaststätte und Metzgerei).

Ebenfalls sicher nachzuweisen sind Schloß und Dorf Niedermurach seit 1581. In der Grenzbegehung des Pflegeamtes Murach ist folgende Feststellung enthalten:

"Nideren Murach Schloß und Dorf ist eine beständige Hofmark, soweit sich die Ettern (= Dorfbann) erstrecken, dieser Zeit (=jetzt) durchaus Thomas Philipp von Murach zugehörig außer vier Mannschaften so zum Ambt Neunburg, und weiterer zwei Mannschaften zu dieser Zeit Otto von Ebleben zugehörig seindt."

1530 hat es in Niedermurach eine Tafernwirtschaft und ein Brau- und Malzhaus gegeben, wobei die Landgrafen von Leuchtenberg eine Rolle spielten. Ein gewisser Stefan Heussen, Wirt auf der Ehetafern Niedermurach, durfte das gebraute Bier "unter dem Reifen" verkaufen, dazu auch Wolle, Schmalz und andere Artikel. Besagter Besitz wurde 1554 an Hans Sunleutner weiterveräußert.
Streitigkeiten wurden damals in Amberg ausgetragen. Dort sind z.B. noch Gerichtsakten aus dem Jahre 1566 vorhanden. Zwei Niedermuracher Wirten ist damals in einem Vergleich gestattet worden, jährlich 4 Gebräu Bier "zu tun und auszuschenken". Sie durften es aber nicht faßweise verkaufen oder gar ausführen.

Dass zwischen den Niedermurachern und den Obermurachern nicht immer bestes Einvernehmen bestand, weiß ein Spruchbrief "Richtung zwischen Pfalzgraf Ludwig und Murachern von wegen eines Totschlages mit Namen Wilhelm Muracher de anno 1448" zu berichten. Darin wird ein sehr interessantes kulturhistorisches Bild einer Fehde zwischen Haus Murach und Niedermurach und der hierauf erfolgten Sühne, nämlich Stiftung von Messen, Gottesdiensten und Marterkreuz, gezeichnet.

Unserer Phantasie bleibt es vornehmlich überlassen, sich auszumalen, welch schlimme Erfahrungen die Einwohner von Niedermurach mit den mordenden und brandschatzenden Ostvölkern, vor allen den Hussiten, haben machen müssen. Mit großer Wahrscheinlichkeitflüchteten sie bei drohender Gefahr, soweit das befestigte Schloß im Dorf selbst nicht genügte und es die Zeit erlaubte, auf die äußerst wehrhafte Trutzburg Murach, namentlich 1428, 1431 und 1433.

"Sie zogen gen Murach für das Haus, Man schoß und wurf zu ihnen heraus Mit Büchsen und mit Pfeilen, Sodaß die bösen Husserer Von dannen mußten eilen."

Die Hussiten kamen nicht ohne ersichtlichen Grund. Es war zu jener Zeit von dieser Gegend eine Menge zu holen: die Oberpfalz stand in ihrer größten Blüte und war damals die reichste Provinz Deutschlands.

Erst 1443 konnten die Hussiten bei Hiltersried vernichtend geschlagen werden (unter Führung von Pfalzgraf Johann von Neunburg).
Die Niedermuracher mussten sicherlich auch das sinnlose Niederbrennen und Rauben, eine Zerstörung um jeden Preis erleben, das der unheilvolle Landshuter Erbfolgekrieg mit sich brachte. (Kampf zwischen der bayerischen und pfälzischen Linie der Wittelsbacher) Der 30-jährige Krieg mit seinen bitteren Geschehnissen setzte unserer Heimat ebenfalls sehr zu (teilweise Zerstörung der Burg Murach), und unter der Parole "Lieber bayrisch sterben als in des Kaisers Unfug verderben!" waren beim Oberpfälzer Bauernaufstand im Jahre 1705/06 Angehörige des Amtes Murach als Rädelsführer massgeblich beteiligt, als im spanischen Erbfolgekrieg die Österreicher die Oberpfalz hart bedrückten. Der Anstiftung verdächtig waren: der Sohn des Bauern Georg Meyer aus Nottersdorf, der Sohn des Hans Gerber aus Niedermurach, die beiden Söhne des Hans Schneeberger aus Wagnern, die Söhne des Andreas Brunner aus Obermurach, der Knecht des Wirtes Albang Ulrich aus Obermurach, der Sohn des Wirtes Hammerer aus Obermurach und der Sohn des Sebastian Frei aus Braunsried. Man verhaftete sie und verbrachte sie nach Amberg. Die Väter mussten eine schwere Geldstrafe von 1.000 Talern zahlen.

Herren von Murach bekleideten bei anderen Landesherren hohe Ämter. Franz Chr. Freiherr von Murach starb 1770 als General von Kurtrier und Kommandant der Festung Ehrenbreitstein. Mit Georg Karl Theodor von Murach, der in Neunburg vorm Wald lebte und 1836 starb, erlosch dieses Geschlecht.

Die Landgemeinde Niedermurach unterhielt wie Gemeinden ähnlicher Größe eine sparsame und doch wirkungsvolle Verwaltung. Vor rund 125 Jahren schloss der gesamte Haushalt mit einem Betrage von rund 50 Gulden ab.

Nach dem zweiten Weltkrieg erwuchsen der Gemeinde große Sorgen. Zahlreiche Heimatvertriebene hatten im Ort Zuflucht gefunden. Im Laufe der Zeit wanderten die meisten auf der Suche nach Arbeit wieder ab.

Die Regierung von Niederbayern und Oberpfalz hatte am 12. Januar 1948 die gesamte Gemeinde Rottendorf aufgelöst und nach Niedermurach eingemeindet. Von anderen Gemeinden wurden Teile eingegliedert, so die Ortsflur der aufgelösten Gemeinde Nottersdorf, ferner die Ortsfluren Sallach und Schwaighof der aufgelösten Gemeinde Wagnern. Aus ursprünglich 350 Einwohnern von Niedermurach waren nun plötzlich 900 geworden. Da sich die Bevölkerung der aufgelösten Gemeinden dagegen aussprach, wurde die Auflösung wieder rückgängig gemacht. Somit War die Größe der Gemeinde Niedermurach auf den ursprünglichen Umfang zurückgeführt.

Am 1. 1. 1972 wurden im Rahmen der freiwilligen Bestandsänderung die Gemeinden Nottersdorf (189 Einw.) und Wagnern (178 Einw.) in die Gemeinde Niedermurach eingegliedert. Vordem zählte Niedermurach 456 Einwohner.

Zum 1. 7. 1972 wurde die freiwillige Eingliederung von Pertolzhofen (326 Einw.) und Rottendorf (298 Einw.) wirksam. Mit der gleichzeitigen Auflösung des Landkreises Oberviechtach wurde der größte Teil des Kreisgebietes und mit ihm die Gemeinde Niedermurach dem neu gebildeten Landkreis Schwandorf zugeteilt. Zum Bürgermeister war am 11. Juni des gleichen Jahres Konrad Zeitler von Rottendorf gewählt worden. Er löste Josef Niederalt ab, der ununterbrochen seit 1945 dieses Amt bekleidet hatte und sich dieser Wahl aus Altersgründen nicht mehr stellte.

Am 1. 1. 1974 wurde die Rechtsverordnung der Regierung der Oberpfalz über die Bildung der Verwaltungsgemeinschaft Oberviechtach wirksam, zu deren Mitgliedern neben den Gemeinden Gleiritsch und Teunz sowie dem Markt Winklarn auch die Gemeinde Niedermurach zählt.

Quelle: Festschrift zur Fahnenweihe mit Heimatfest des Schützenvereines "Murachtaler Schützen" vom 25. bis 29.07.1974 - Verfasser des Artikels in der Festschrift: Michael Reitinger